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«Putz ist ein Material, kein Surrogat»

Der Schweizer Preis für Putz und Farbe würdigt Projekte, die sich durch einen qualitätvollen Einsatz von Putz auszeichnen. Ein Gespräch mit den Jurymitgliedern Andreas Hild und Jörg Kradolfer über Wertschätzung, Trends und das Zusammenspiel von Architektur und Material.

Der Schweizer Preis für Putz und Farbe wurde dieses Jahr nach zwei Austragungen 2015 und 2018 neu lanciert. Warum braucht es diese Auszeichnung?

Andreas Hild: Putz bekommt nicht die Aufmerksamkeit, die er verdient. Der Preis richtet sich an Architektinnen und Architekten, indem er zeigt, was für Möglichkeiten das Material bietet. Darüber hinaus ist er aber auch ein Signal an die Industrie – oftmals ist das handwerkliche Können für den Umgang mit Putz gar nicht mehr vorhanden. Heutzutage ist Putz einfach die letzte Schicht auf einer Wärmedämmverbundfassade – zumindest in Deutschland ist das oft so.

Jörg Kradolfer: Putz und Farbe sind überall präsent. Die Auszeichnung soll eine Wertschätzung für Planung und Handwerk sein, aber auch Bauherrschaften für das Thema sensibilisieren. Die Ausführung ist jeweils sehr unterschiedlich, die Details sind vielfältig. Deshalb braucht es eine enge Zusammen­arbeit zwischen Planung und Ausführung, weswegen Teams aus beiden Bereichen ausgezeichnet werden. Einige Projekte sind mit Unterstützung der Denkmalpflege entstanden, das ist auch eine Art von Kultur­erhalt. Für Fachleute sind darüber hinaus auch gewisse Trends ablesbar.

Sie haben Trends erwähnt – welche können Sie aktuell erkennen?

Kradolfer: Es sind einige Entwicklungen festzustellen. Mit der Neulancierung gibt es dieses Jahr erstmals eine Auszeichnung für die Innenraum­gestaltung. Hier sieht man stark die Wertigkeit des Materials und wie wichtig Nachhaltigkeit geworden ist. Lehm hat sich etabliert, nicht nur wegen seiner positiven physikalischen Eigenschaften, sondern auch als Gestaltungselement, zum Beispiel als Deckputz mit Stroh oder anderen organischen Zuschlagsstoffen. Einen weiteren Trend sehe ich bei den mineralischen Putzen. Sie werden wieder dickschichtiger verarbeitet, die Materialität wird im Aufbau wie auch in der Farbigkeit betont. Zum Teil wurde mit lokalem Kolorit gearbeitet, mit Gesteinstönungen wie Jurakalk, oder es wurden Erdpigmente eingesetzt.

Im Zusammenhang mit der Wärmedämmung, mit der ganzen Aussenwandkonstruktion ist ausserdem die Vielfalt herausragend. Im Vergleich zu noch vor einigen Jahren ist auch hier wieder mehr Struktur, mehr Farbe wahrnehmbar. Zudem wird eine grosse Vielfalt an Dämmmaterialien und -systemen eingesetzt, während gleichzeitig die alten Handwerkstechniken als neue Gestaltungsmöglichkeiten wieder entdeckt werden. Es gibt eine Renaissance von alten Putztechniken wie dem Kratzputz oder dem Kellenwurf. Der aktuelle Favorit für Strukturen an der Fassade ist der Besenstrich, horizontal wie auch vertikal ausgeführt. All diese Strukturen zeigen eine gewisse Handwerklichkeit, sie leben nicht von der Perfektion, sondern von der Sichtbarkeit der handwerklichen Ausführung. Von der Planerseite her gibt es dafür eine grosse Offenheit.

Wie sieht es in dieser Hinsicht von der Handwerkerseite aus?

Kradolfer: Bei diesem Preis werden natürlich die herausragenden Projekte eingereicht, das ist nicht der Durchschnitt. Aber die Projekte sollen nach­ahmenswerte Beispiele für die ganze Branche sein.

Wie beurteilen Sie die eingereichten Projekte? Gab es Überraschungen, zum Beispiel auch Innovationen materialtechnischer Art?

Hild: Die Qualität der Einreichungen war durchwegs hoch. Besonders im Bereich der Naturputze ist das Niveau beeindruckend, möglicherweise ist auch das eine Schweizer Spezialität.

Kradolfer: Positiv überrascht war ich von der grossen Bandbreite an Konstruktionen – vom klassischen Zweischalenmauerwerk über die monolithischen Isolierbacksteinkonstruktionen, die Kompaktfassade mit der verputzten Aussenwärmedämmung bis zum Holzelementbau. Da ist alles vorhanden. 

Das Zusammenspiel von Architektur und Material ist ein sinnliches Erlebnis – lassen sich die eingereichten Projekte auf Papier beziehungsweise online überhaupt beurteilen? 

Hild: Neben den Plänen, Fotos und dem Projektbeschrieb haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch ein Materialmuster angefertigt. Das stellt schon eine relativ hohe Hürde dar, erlaubte es der Jury aber auch, einen guten Einblick in die Qualität der Projekte und die handwerkliche Sorgfalt der Putzarbeiten zu bekommen.

Die ausfürhliche Version dieses Artikels ist erschienen in TEC21 3-4/2021 «Von Mar­mori­no und Be­sen­strich». 

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